Promovendin:
Mercedes MartÍnez und Sigurður A. Rohloff

Thema:
Spanische Migrantinnen und Migranten der ersten Generation und ihre Nachkommen in Deutschland: Zum Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Bildungserfolg
Erstbetreuung: Prof. Dr. Dirk Lange

Kurzdarstellung:
Durch das Forschungsvorhaben wollen wir den Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement spanischer Gastarbeiter/innen der ersten Generation und dem Bildungserfolg ihrer Nachkommen in Deutschland untersuchen.

In Deutschland lebten im Jahr 2010 ca. 154.000 Menschen mit spanischem Pass (Hochrechnung des statistischen Bundesamtes auf Grundlage der Daten der Mikrozensus-Sonderauswertung).

Im Vergleich zu den Einwanderer/-innen der anderen vier europäischen Nationen, Italien, Ex-Jugoslawien, Griechenland und Türkei, die ein Anwerbeabkommen mit Deutschland abgeschlossen hatten, haben die Spanier/-innen in Deutschland hochwertige Berufs- und Bildungsabschlüsse erzielt. Eine vergleichende Analyse der Daten zu den fünf in Deutschland lebenden Nationalitäten anhand der Daten der „Mikrozensus Sonderauswertung 2010“ des Statistischen Bundesamtes, die von den Autoren/innen durchgeführt wurde, hat bestätigt, dass die Spanier/innen die höheren Schul- und Berufsabschlüsse erreicht haben. Dietrich Thränhardt hat ebenso festgestellt, dass der Schulerfolg der Spanier/-innen in Deutschland der größte aller fünf genannten Anwerbegruppen ist (Thränhardt 2000, S. 29ff).

Die besonders gute Vernetzung und das hohe gesellschaftliche Engagement könnte eine Erklärung für den Bildungserfolg der Spanier/-innen sein. (Failing, 2009, S. 294 f.).

Nach Breitenbach führte die Gründung von Elternvereinen und die Unterstützung der spanischen Bevölkerung in Deutschland durch den spanischen Staat und die spanische Kirche, zu einer guten Vernetzung und bürgerschaftlichem Engagement. (von Breitenbach, 1978, S. 118 ff.).

im Rahmen eines Promotionsvorhabens an der Leibniz Universität Hannover wird ermittelt, ob eine Korrelation zwischen dem bürgerschaftlichen Engagement der Eltern und dem Bildungserfolg ihrer Kinder innerhalb des ausgewählten Personenkreises der Spanier/-innen in Deutschland nachzuweisen ist.

Durch eine standardisierte Fragebogen-Erhebung wurden 670 in Deutschland lebende Personen mit spanischem Migrationshintergrund nach ihrem bürgerschaftlichem Engagement, nach ihren eigenen Schul- und Berufsabschlüssen, nach dem bürgerschaftlichen Engagement ihrer Eltern sowie nach den Schul- und Berufsabschlüssen ihrer Kinder befragt.

Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg sowie Niedersachen wurden ausgewählt. In diesen drei Bundesländern lebten im Jahr 2010 ca. 58.000 Spanierinnen und Spanier. Das sind mehr als die Hälfte aller Spanier/-innen in Deutschland, deren Anzahl nach Angaben der Ausländerstatistik ca. 105.000 Personen betrug (Statistisches Bundesamt 2010).

Die verwertbaren Fragebögen werden für die Auswertung der Ergebnisse nach Generationen der Einwanderung differenziert. Es gibt die erste Generation, d.h. diejenigen Spanier/-innen, die zwischen 1960 und 1973 als so genannte „Gastarbeiter/-innen“ einwanderten. Deren Kinder werden als zweite Generation identifiziert, sofern sie in Deutschland die Schule abgeschlossen haben. Die Kinder der Angehörigen dieser Generation werden wiederum als dritte Generation definiert.

Weitere Differenzierungen nach dem Grad des bürgerschaftlichen Engagements und entsprechend des Bildungserfolges, gemessen an formalen Berufs- und Schulabschlüssen, wurden vorgenommen.

Ende 2014 erfolgt die Veröffentlichung der abschließenden Ergebnisse der Untersuchung.

Bürgerschaftliches Engagement und Bildungserfolg:

Politische Partizipation und politisches Bewusstsein ist nach unserer Auffassung nicht von bürgerschaftlichem Engagement zu trennen. Es vermittelt Wissen über die Funktionsweisen politischer und gesellschaftlicher Vorgänge und Entscheidungsprozesse, sowie Kenntnisse über die Partizipationsmöglichkeiten an politischen und gesellschaftlichen Geschehnissen. Wer sich bürgerschaftlich engagiert, partizipiert.

Das bürgerschaftliche Engagement der Spanier/-innen in Deutschland wurde für die Untersuchung operationalisiert. Bei der Auswahl der Indikatoren haben wir uns an den Merkmalen zu bürgerschaftlichem Engagement orientiert, die u.a. im Papier der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages und in den Integrationsindikatorenberichten der Bundesregierung genannt werden (Deutscher Bundestag 2002, Bundesregierung 2009, Bundesregierung 2011). Folgende sieben Indikatoren wurden in der Untersuchung abgefragt:

1. Die Mitgliedschaft in Parteien

2. Die Mitgliedschaft in Gewerkschaften

3. Die Mitgliedschaft in Vereinen oder Organisationen,

4. Die ehrenamtliche Mitarbeit in Vereinen oder Organisationen,

5. Die politische Mandatsträgerschaft,

6. Das Politische Interesse (Kenntnisse über die politischen Parteien in Spanien und ihre Ausrichtungen sowie Kenntnisse über die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Spanien)

7. Das Wahlverhalten (Teilnahme an Wahlen für Spanien, Deutschland oder die EU)

Im Rahmen des Forschungsvorhabens wird der Bildungserfolg zum einen anhand der formalen Schulabschlüsse, zum anderen anhand der Bildungsabschlüsse nach dem ISCED 97 -Level definiert. Die ISCED von 1997 kombiniert allgemeinbildende und berufsbildende Abschlüsse.

Bei Schulabschlüssen wird ein Bildungserfolg z.B. beim Erreichen von Hochschul- und Fachhochschulreife angenommen. Bei Berufsabschlüssen sprechen wir von einem Bildungserfolg, wenn Universitäts- oder Fachhochschul-Abschlüsse bzw. der Meister in einer Fach- oder Technikerschule erreicht worden ist.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden in die theoretischen Erklärungsansätze für Bildungserfolg bzw. –Bildungsmisserfolg sowie für Politische Partizipation von Migranten/innen eingebettet.

Hypothetisches Modell des Einflussweges des bürgerschaftlichen Engagements der spanischen Gastarbeiter/-innen auf die Bildungserfolge ihrer Nachkommen

Bürgerschaftliches

Engagement

Bildungserfolge

Erste Generation    

TABELLE FEHLT

Zweite Generation    

Dritte Generation        

Die obige Tabelle stellt unsere folgenden Thesen dar.

These 1:

Es gibt einen Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Bildungserfolgen. Das bürgerschaftliche Engagement der Migranten/-innen spanischer Herkunft der ersten Generation korreliert mit den Bildungserfolgen der zweiten Generation.

These 2:

Das bürgerschaftliche Engagement von Migranten/-innen spanischer Herkunft der zweiten Generation korreliert mit den Bildungserfolgen der dritten Generation.

These 3:

Innerhalb der zweiten Generation korreliert das bürgerschaftliche Engagement mit dem Bildungserfolg.

These 4:

Die bildungserfolgreiche zweite Generation der Migranten/-innen spanischer Herkunft mit Hochschul- und Fachhochschulreife hatten Eltern mit höherem bürgerschaftlichen Engagement als die weniger bildungserfolgreiche zweite Generation.

These 5:

Die bildungserfolgreiche dritte Generation der Migranten/-innen spanischer Herkunft mit Hochschul- und Fachhochschulreife haben Eltern mit höherem bürgerschaftlichen Engagement als die weniger bildungserfolgreiche dritte Generation

Implikation der Erkenntnisse für die politische Bildungsarbeit

In der gesichteten Literatur ist zu erkennen, dass die Spanier/-innen in Deutschland aus sehr armen Regionen kamen und einen niedrigen Bildungsstand hatten. Dennoch konnten sich in den Folgegenerationen Bildungserfolge einstellen.

Das Engagement der Eltern, ihre politische Partizipation, die Gründung von Vereinen und die schulpolitisch agierenden Netzwerke spielen eine besondere Rolle. Die Schwerpunktlegung auf die Bildungs- und Ausbildungssituation im Aufnahmeland, eine realistische Analyse der vorgefundenen Bildungschancen, sowie die beharrliche Einflussnahme auf die rechtlichen Voraussetzungen und die Schulpolitik haben nach unserer Annahme zum Bildungserfolg der Nachkommen beigetragen.

Da Bildungserfolge multifaktoriell bedingt sind, lohnt sich eine differenzierte Betrachtung der möglichen Einflusswege auf den Bildungserfolg von Migrantengruppen. Die bisherigen theoretischen Erklärungen zu Bildungserfolgen können voraussichtlich um die des Einflusses bürgerschaftlichen Engagements bzw. der (schul-)politischen Partizipation erweitert werden.

Politische Partizipation kann auch als ein Instrument der Einflussnahme verstanden werden. Die Förderung der Elternarbeit und der Gründung von Vereinen, die Einflussnahme auf das Schulsystem, der Appell auf eine Verantwortungsübernahme durch die Herkunfts- und Aufnahmeländer, sollten auch Aufgaben der Politische Bildung sein, um das Ziel einer höheren Chancengleichheit zu erreichen.

Neue Aufgaben lassen sich für die öffentlich geförderte politische Bildung, die innerhalb einer global orientierten Migrationsgesellschaft beziehungsweise in einer europäischen Bürgerschaft Aufklärung und Befähigung zu Mündigkeit und zu politischem Handeln zu leisten hat, finden. Der Wert des bürgerschaftlichen Engagements innerhalb einer Migrationsgesellschaft verwandelt auch die Aufgabenfelder der öffentlich geförderten politischen Bildung. Sie gewinnt an gesellschaftlicher Verantwortung und kann als eine moderierende Instanz bei den Umbau- und Umdeutungsprozessen einer Europäischen Bürgergesellschaft fungieren.

Die Evidenz eines ökonomischen Nutzens einer Gesellschaft durch eingewanderte Personen, die sich durch Bildungsaufstieg entfalten und sich beruflich etablieren, ist hier hervorzuheben. Wenn man den demographischen Wandel in Deutschland und die Entwicklung der Zuwanderung betrachtet, ist die Anzahl der Zuwanderer und Zuwanderinnen, die nach dem Fachkräfte-Aufenthaltsgesetz in Deutschland eingewandert sind, immer noch zu gering. Die Fokussierung auf die politische und berufliche Partizipation von Migranten/-innen sollte eine wichtige Rolle spielen. Beim Thema Teilhabe sollte es stärker um die Frage nach den Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten für Eingewanderte gehen. Auch der Weg der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse bleibt nach Einführung des Anerkennungsgesetzes nicht unproblematisch. Die Entfaltung aller Potenziale eines Menschen und die Schaffung rechtlicher Voraussetzungen für eine „echte“ Willkommenskultur sind zentrale Voraussetzung für politische Partizipation. Hier kann politische Bildung einen wichtigen Beitrag leisten.