Promovendin: Jenny Hagemann, M.A.

Erstbetreuung: Prof. Dr. Detlef Schmiechen-Ackermann

Thema: Cultural Heritage abseits urbaner Räume. Hannoversches Wendland und Lausitz im Vergleich

Kurzdarstellung: 

In der vergleichend angelegten Studie gilt es, die vielfältigen Formen von Cultural Heritage, dessen Inwertsetzung und Rolle in regionalen Identitäten zu analysieren. Wie wird Heritage als Ressource genutzt, um auf regionaler Ebene auf vielfältige historische und aktuelle Herausforderungen zu reagieren? Mit dem Hannoverschen Wendland und der Lausitz bieten sich hier zwei Regionen an, deren slawische Besiedelung im Zuge der Völkerwanderung unterschiedlichen Eingang in aktuelle Selbstverständnisse erhalten hat. Gleichzeitig lassen sich ehemalige DDR- und BRD-Gebiete miteinander vergleichen, die in Vergangenheit und Gegenwart mit den Auswirkungen von  Energie-Industrien – namentlich die Anti-Atombewegung im Hannoverschen Wendland und der Strukturwandel aufgrund von Braunkohle-Verstromung in der Lausitz – umgehen müssen. Beide stellen zudem Grenzregionen dar, deren Bevölkerung sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark verändert hat, sei es durch die Ansiedelung Kreativer und Kulturschaffender, die es im Rahmen der Gorlebenproteste ins Wendland zog und die heute die regionale Identität maßgeblich prägen oder durch den Zuzug von zahlreichen Kumpeln, die ihrerseits den Ausbau des Braunkohle-Tagebaus vorantrieben und damit auch sorbisch/wendische Minderheiten der Lausitz zu Umsiedelungen zwangen.

Diese Menschen konstruieren und konstituieren ihre Kultur – und damit auch ihre kollektive Identität –, indem sie auf „ihre“ Geschichte „zurückgreifen“. Sie schaffen Zugehörigkeiten nach innen ebenso wie Abgrenzungen nach außen, indem sie dezidierte Inhalte des Vergangenen vergegenwärtigen. Dabei entstehen dynamische Prozesse, die nicht nur verschiedenste Akteure, sondern ebenso verschiedene Motive und Mechanismen umfassen. Um hierbei die oftmals ökonomischen, politischen und sozialen Interessen hinter der Inwertsetzung von Vergangenheit offenzulegen, eignet sich der Begriff des „Cultural Heritage“ im besonderen Maße. Entscheidend ist dabei, wie Eric Hobsbawm bereits betonte, die häufig konfliktreichen Gegenwartsbezüge der ausgewählten Artefakte sichtbar zu machen: Geschichte wird nur dann Heritage, wenn sie eine für die Gegenwart relevante Botschaft transportiert. Die Untersuchung dieser Prozesse gibt nicht nur Aufschluss über aktuelle Geschichtskonstruktionen, sondern auch über die Art und Weise, wie kollektive Identitäten gebildet und gefestigt werden. Insbesondere ländliche Regionen und ihre Identitäten stellen ein von der Forschung bislang weniger beachtetes Feld dar. Jedoch – so die hier zugrunde liegende These – besonders innerhalb dieser Räume lassen sich charakteristische Standortmerkmale beobachten, die spezifische, von „Urban Heritage“ zu unterscheidende Mechanismen des „Heritage-Making“ begünstigen. Die Studie widmet sich explizit dieser Art von „Rural Heritage“, indem sie sowohl die Standortmerkmale und Mechanismen, als auch entsprechende Akteure und Motive herausarbeitet und analysiert.