Promovendin:
Christine Schoenmakers

Thema:
„Die Belange der Volksgemeinschaft erfordern gebieterisch…“ – Bremer Juristen als Akteure lokaler Herrschaftspraxis im Nationalsozialismus

Erstbetreuung: Prof. Dr. Dietmar von Reeken (Carl von Ossietky Universität Oldenburg)
Zweitbetreuung: apl. Prof. Dr. Detlef Schmiechen-Ackermann

Kurzdarstellung:
Die Dissertation untersucht den Beitrag von Bremer Juristen zur lokalen Durchsetzung von NS-Herrschaft und fragt nach den (Nach-)Wirkungen, die die Idee einer nationalsozialistischen‚ Volksgemeinschaft‘ in diesem Kontext gehabt hat. Dies ist für die Hansestadt bislang noch nicht systematisch untersucht worden und die Arbeit möchte daher eine Lücke in der regionalen Forschung um die NS-Zeit in Bremen schließen.

Zum einen geht es dabei um die Zusammenhänge zwischen‚ Volksgemeinschaft‘ und Recht bzw. Rechtsprechung. Juristen prägten höchst wahrnehmbar das Bild von ‚Volksgemeinschaft‘ in der Bremer Öffentlichkeit. Dabei bot die NS-Ideologie, und hier ganz im Speziellen die Volksgemeinschaftsidee, den Rahmen für die Mobilisierung und Disziplinierung der örtlichen Gesellschaft für den Nationalsozialismus. Die Arbeit untersucht die Art und Weise, wie die Juristen am Bremer Amts-, Land- und Sondergericht durch das Strafrecht die Grenzziehung zwischen ‚Volksgenossen‘ und ‚Gemeinschaftsfremden‘ und eine Erziehungswirkung im nationalsozialistischen Sinne sicherstellten.

Danach gilt der Blick den eigentlichen Akteuren, den Bremer Richtern, Staats- und Rechtsanwälten. Die Idee der ‚Volksgemeinschaft‘ war die Basis für ihre aktive Unterstützung des NS-Regimes. Die Offenheit der NS-Gemeinschaftsidee erlaubte ihnen vielfältige Anknüpfungs- und Integrationsmöglichkeiten im ‚ Dritten Reich‘. Es stellen sich Fragen nach den Gründen des Mitmachens und der Selbstgleichschaltung ihrer Berufsgruppe. Hierbei ist herauszuarbeiten, welche Angebote die Nationalsozialisten den bremischen Juristen gemacht haben, um Konformität und Zustimmung zu erzeugen. Darüber hinaus werden Konfliktlinien innerhalb der Bremer Justiz, aber auch zwischen lokaler Gerichtsbarkeit und den vorgesetzten Behörden in Hamburg und Berlin sowie politischen Instanzen auf Gauebene beleuchtet. In diesem Spannungsfeld von Lokalmilieu und Reichsebene verortet die Arbeit individuelle Handlungsspielräume der Akteure.

Schließlich beleuchtet die Arbeit das Fortwirken der nationalsozialistischen Ideologie nach 1945. In Bremen überlebte die‚ Volksgemeinschaft‘ das Kriegsende einerseits durch personelle Kontinuitäten, andererseits durch Verklärung und Entlastungsstrategien ihrer Akteure. Es geht daher auch um die Rahmenbedingungen für die gescheiterte Entnazifizierung und Ahndung des Justizunrechts sowie um die mangelhafte Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unter den in der unmittelbaren Nachkriegszeit vielfach wiedereingestellten ehemaligen Juristen des ‚Dritten Reiches‘.

Das Buch ist 2015 im Schöningh-Verlag in der Reihe „Nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘ – Studien zu Konstruktion, gesellschaftlicher Wirkungsmacht und Erinnerung“ als Band 6 erschienen.