Promovendin:
Bianca Roitsch

Thema:
Mehr als nur Zaungäste. Soziale Praktiken und Sagbarkeiten von Akteuren im Umfeld der (ehemaligen) nationalsozialistischen Exklusionslager am Beispiel von Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen 1933-1960.
Erstbetreuung: Apl. Prof. Dr. Detlef Schmiechen-Ackermann

Kurzdarstellung:

Wenngleich der Stacheldrahtzaun als Barriere bis heute die Abgrenzung der nationalsozialistischen Exklusionslager von ihrer Außenwelt wirkmächtig symbolisiert, waren diese totalen Institutionen keineswegs vollständig von der übrigen Gesellschaft abgeschottet. Stattdessen entfaltete sich zwischen Personal, Insassen und Anwohnern ein Verhältnis, das weit über bloße gegenseitige Ahnungen und Mutmaßungen hinausreichte. In diesem Sinne sollten die Türen und Tore der Exklusionslager als spannungsreiche Transferräume begriffen werden, deren tägliche Durchquerung in jedem Fall einkalkuliert war.

Entsprechend wählt die Studie einen kumulativ-vergleichend angelegten Zugang, mit dessen Hilfe die charakteristischen Handlungs- und Sprechweisen in drei ländlich geprägten Gemeinden mit einem nationalsozialistischen Exklusionslager zwischen 1933 und 1945 extrahiert und systematisiert werden können. Thematische Schwerpunkte bilden dabei die institutionelle Zuschaustellung der Lager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen, wirtschaftliche Kooperationen, die Bedeutung physischer Gewalt, Konfliktpotentiale sowie Gewöhnungseffekte und die Verfolgung persönlicher Interessen. Dabei verdeutlichen die Verhaltensweisen der ›Zaungäste‹ nicht nur die Spielräume zwischen Zustimmung und Mitmachen, Distanzierung und Verweigerung in der Interaktion mit den Insassen und dem Personal der Lager vor 1945.

Darüber hinaus zeigt die vorliegende Arbeit, dass ›das Lokale‹ nicht nur eine enorme Bedeutung für die Ausprägung gesellschaftlicher Bindekräfte und die langfristige Fortschreibung von Gruppenzugehörigkeiten hatte, sondern auch einen wesentlichen – wenn auch nicht den einzigen – Bezugsrahmen für erinnerungspolitische Konstrukte nach 1945 bildete, weil hier das eigene Opfernarrativ sowie Ressentiments gegenüber gesellschaftlichen Außenseitern als kommunikative Ventile tradiert wurden und weitgehend sagbar blieben. Wie die vorliegende Arbeit zudem anhand von Entnazifizierungsverfahren, dem Umgang mit Gedenkstätten und Häftlingsfriedhöfen sowie der Tradierung lokaler Meistererzählungen zeigt, stellten die Lager nach 1945 aus der Perspektive der Akteure vor Ort sowohl soziale Konfliktherde als auch eine Bedrohung für deren ersehnte Reputation als rechtschaffene Landbewohner dar.