Promovendin:
Anette Blaschke

Thema:
Zwischen ›Dorfgemeinschaft‹ und ›Volksgemeinschaft‹. Niedersächsische Landbevölkerung im Nationalsozialismus
Erstbetreuung: apl. Prof. Dr. Karl-Heinz Schneider
Zweitbetreuung: apl. Prof. Dr. Detlef Schmiechen-Ackermann

Kurzdarstellung:
Die als Dissertationsprojekt bearbeitete Lokalstudie verfolgt einen gesellschaftsgeschichtlichen Ansatz, der in einer räumlich eng begrenzten, ländlich geprägten Region in Niedersachsen Handlungsspielräumen und Deutungsmustern von Individuen und Gruppen in der NS-Zeit nachzuspüren versucht. Den Untersuchungsraum bilden 28 Gemeinden und Dörfer im Landkreis Hameln-Pyrmont, die im Umfeld des Bückeberges liegen, auf dem von 1933 bis 1937 die Reichserntedankfeste stattfanden. Diese werden gleichsam als ideologisch-propagandistisches ›Schlaglicht‹ des ›Blut-und-Boden‹-Kultes in die Studie einfließen.

Das Erkenntnisinteresse des Projektes liegt in der lokalen Analyse der gesellschaftlichen Durchdringung dörflicher Lebenswelten durch den Nationalsozialismus, der dem von anti-etatistisch geprägten Einstellungen und nach spezifischen eigenen Regen funktionierenden ländlichen Mikrokosmos die übergeordnete Idee der ›Volksgemeinschaft‹ gegenüberstellte sowie zumindest in den ersten Herrschaftsjahren mit einem NS-spezifischen ›Bauerndiskurs‹ auch die ländlichen Bevölkerungsgruppen in die ›Volksgemeinschaft‹ zu integrieren versuchte.

Es wird zum einen gefragt nach von den Nationalsozialisten, gewollt oder ungewollt, initiierten Transformationsprozessen im dörflichen Interaktionsgefüge: Wie versuchten die Nationalsozialisten ihre Vorstellungen vom ›Landleben im    Dritten Reich‹ in den Orten zu etablieren und wie sind die ›Erfolge‹ der Nationalsozialisten hinsichtlich der gesellschaftlichen Durchdringung und Regimestabilisierung zu bewerten? Welche Rolle spielten in diesem Zusammenhang auf affektive Bindung zielende Inszenierungen wie die Reichserntedankfeste? Von welchen (ortsansässigen oder ortsfremden) Akteuren gingen Initiativen aus und inwieweit veränderten sich lokale Netzwerke und Machstrukturen vor Ort? Dabei sollen zum anderen auch tradierte Phänomene und Bindungskräfte innerhalb der ›Dorfgemeinschaften‹ und sich langfristig vollziehende Entwicklungen Berücksichtigung finden.

Die empirische Grundlage der Studie setzt sich zusammen aus sehr vielfältigen Quellenbeständen: Neben offiziellen Korrespondenzen auf staatlicher und parteilicher Ebene, von denen ein vollständig im Hauptstaatsarchiv Hannover überlieferter Bestand der Kreisbauernschaft Hameln-Pyrmont als ein zentraler Fundus gelten kann, werden diverse publizistische Quellen (u.a. lokale Presse, Orts- und Gemeindechroniken) und kirchliche Dokumente (u.a. Visitationsberichte, Gemeindebriefe) in die Untersuchung einbezogen.