Leitung: Prof. Dr. Michele Barricelli, Prof. Dr. Carlos Kölbl (Bayreuth); Koordination: Lena Deuble, Lisa Konrad

Förderung: Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur/ Pro* Niedersachsen; Volumen: 240.000 €, Laufzeit: 2011-2014

Projektbeschreibung
Bildungseinrichtungen stehen heute mehr denn je im Zeichen vielfältiger Globalisierungs- und Migrationsprozesse. Um indessen vom umfassenden gesellschaftlichen, politischen und vor allem ökonomischen Wandel des 21. Jahrhunderts nicht nur einfach „betroffen“ zu sein, sondern die Rolle von Akteuren und Gestaltern einnehmen zu können, empfehlen jene, die über Schule und Lernen theoretisch nachdenken, vor allem zwei Strategien: Zum einen gilt es, die Handlungskompetenz von Schüler-/innen in einer unüberschaubar werdenden, hochgradig vernetzten, Pluralität, Mobilität und Flexibilität einfordernden Welt zu verbessern. Zum anderen gibt es das Bestreben, auf das augenscheinlichste Merkmal der Schulen in modernen Einwanderungsgesellschaften, die (kulturell) heterogene Schülerschaft, speziell einzuwirken. Beide im Ganzen durchaus verschiedenartige, auf ungeklärter Grundlage mit Kulturdifferenztheorien operierende Diskursstränge laufen zusammen im Paradigma der interkulturellen Erziehung für alle.
Gerade das historische Lernen weist in vielerlei Hinsicht eine spezifische Affinität und damit vielfältige Möglichkeiten zum interkulturellen Lernen auf, was etwa das regelmäßige Erfordernis von Perspektivenwechseln und von kontrollierten Formen des Fremdverstehens sowie die besondere Bedeutung von Ambiguitätstoleranz betrifft. Man kann sogar sagen, dass der Umgang mit Interkulturalität zum unhintergehbaren Wesen des Faches Geschichte gehört, denn die Thematisierung von abständiger Vergangenheit stellt ja immer schon eine interkulturelle Lernsituation dar: Die Menschen früher dachten anders, lebten anders, handelten anders als wir Heutigen, und es kommt im Geschichtsunterricht darauf an, frühere Lebensbezüge, Denkstrukturen und Wertmaßstäbe zu rekonstruieren, um zu begründeten (durchaus mit der Gegenwart vergleichenden) historischen Urteilen zu gelangen.
Ziel des interdisziplinären Forschungsprojekts
„‚Vielfalt, Identität, Erzählung’ – Interkulturelles Geschichtslernen“ ist es, empirisch zu rekonstruieren, ob bzw. inwiefern das bereits 1996 von der KMK empfohlene interkulturelle Lernen in den Schulen tatsächlich Einzug gehalten hat. Damit der hohe Anspruch des interkulturellen Lernens in der Schule in die Tat umgesetzt werden kann, ist in den letzten Jahren eine Fülle von dementsprechenden fachspezifischen oder fachübergreifenden Unterrichtsmaterialien erschienen, wurde eine Reihe von außerunterrichtlichen Anregungen (wie Projekten und Wettbewerben) gegeben oder finden einschlägige Lehrerfortbildungen statt. Was jedoch in den Klassenzimmern tatsächlich im Hinblick darauf geschieht, welche Methoden genutzt und wie die Maßnahmen sowohl von den Lehrenden wie den Lernenden eingeschätzt werden, ist noch weitgehend unerforscht. Empirisch fundiertes Wissen ist aber schon deshalb unentbehrlich, weil sich nur auf dieser Grundlage wissenschaftlich fundierte pädagogische Interventionen bestimmen und durchführen lassen. Konkret interessiert uns das OB und WIE des interkulturellen Lernens im Geschichtsunterricht, also bspw. Fragen wie: Wie gestaltet sich dieses interkulturelle Lernen aus der Perspektive von Schüler/-innen sowie Lehrkräften? Welche Methoden werden mit welchen Absichten genutzt und wie werden beide eingeschätzt? Welche Spezifika interkulturellen Lernens lassen sich in unterschiedlichen Klassenstufen, Schulformen oder Schultypen beobachten? Die Vielfalt der Erkenntnisinteressen spiegelt sich in den Erhebungsmethoden wider, die im Rahmen des Projekts zur Anwendung kommen. Um das
Forschungsfeld aus unterschiedlichen Perspektiven zu rekonstruieren, wurden drei verschiedene methodische Zugänge gewählt:

  • Gruppendiskussionen mit Schüler/-innen;
  • Interviews mit Lehrkräften;
  • videografierte Unterrichtsstunden des Faches Geschichte.

Die Möglichkeit des interdependenten Erkenntnisgewinns durch erhebungsmethodische Vielfalt ist auch bei der Auswertung der erhobenen Daten zentral. In Anlehnung an die Dokumentarische Methode (Bohnsack) und die Grounded Theory (Glaser/Strauss) werden durch permanente komparative Analysen Typen gebildet und fallübergreifende Aussagen ermöglicht.
Zum Abschluss des Forschungsprojekts „Interkulturelles Lernen im Geschichtsunterricht an niedersächsischen Schulen“ wurde im Oktober
2013 in Hannover die Tagung „Vielfalt, Identität, Erzählung“ durchgeführt. Sie führte Beiträge der Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik, Pädagogik und Psychologie interdisziplinär zusammen, die mit Wissenschaftler/-innen sowie Praktiker/innen diskutiert wurden. Eine finale Auswertung der im Projekt erhobenen Daten sowie die entsprechende Publikation erfolgen voraussichtlich bis Ende 2014.