Leitung: Prof. Detlef Schmiechen-Ackermann

Mitarbeiter: Dr. Rita Seidel, Dr. Oliver Werner

Förderung: Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur; Volumen: ca. 260.000 €; Laufzeit: Oktober 2015 bis September 2019

 

Projektbeschreibung

Welche personellen und inhaltlichen Kontinuitäten lassen sich für die Raumforschung sowie für die Landes- und Stadtplanung in Niedersachsen vom „Dritten Reich“ zur Bundesrepublik nachweisen? Wo finden sich nach 1945 Distanzierungen und Neuorientierungen in einer akademischen Disziplin, die im nationalsozialistischen Deutschland als eine dezidiert „politische Wissenschaft“ verstanden worden ist? Wie haben Akademiker – und es waren fast ausschließlich Männer – in den ersten Jahren der Bundesrepublik rückblickend Ihre frühere Tätigkeit als Raumwissenschaftler eingeschätzt?

Das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur finanzierte und von Detlef Schmiechen-Ackermann geleitete Forschungsprojekt untersucht diese Fragen auf der Grundlage verschiedener Quellen: Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen – etwa in der seit 1936 kontinuierlich erscheinenden Zeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ – werden persönliche Nachlässe, staatliches und administratives Schriftgut sowie nicht zuletzt Personalakten niedersächsischer Hochschulen herangezogen.

Einige offensichtliche Kontinuitäten springen ins Auge: Die 1945/46 von Kurt Brüning in Hannover gegründete „Akademie für Raumforschung und Landesplanung“ (ARL) sah sich als Rechtsnachfolgerin der 1935 eingerichteten „Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung“. Sie wurde in den 1950er Jahren zu einem Zentrum der westdeutschen Raumwissenschaften ausgebaut. Daran waren maßgeblich Männer beteiligt wie Heinrich Hunke – in den 1930er Jahren als Gauwirtschaftsberater der NSDAP für die Arisierung Berliner Unternehmen verantwortlich – oder Konrad Meyer, wesentlicher Autor des „Generalplans Ost“ zur „Neuordnung“ des von der Wehrmacht besetzten Europas. Die Pläne zum Wiederaufbau Hannovers – in den 1950er Jahren weltweit als moderne, verkehrsgerechte Stadtplanung anerkannt – wurden u. a. von Hans Stosberg entwickelt, der bis 1943 für den Umbau der Stadt Oświęcim zur „deutschen Stadt“ Ausschwitz verantwortlich gezeichnet hatte.

Die öffentlichen Diskurse und weiter existierenden akademischen Netzwerke in den 1950er Jahren erlaubten es einer ganzen Generation von Raumwissenschaftlern, ihre beruflichen Karrieren neu zu beginnen oder fortzusetzen, ohne sich ihrer Verantwortung im „Dritten Reich“ stellen zu müssen. Zugleich lassen sich auch Lernerfahrungen und Anpassungsfähigkeiten nachweisen, beispielsweise in der neu etablierten Praxis föderaler Wissenschaftsorganisation und -finanzierung, die sich durchaus als ein „Erlernen von Demokratie“ verstehen lassen. Nicht nur die Kaschierung einer gemeinsamen Schuld, sondern auch die Selbstwahrnehmung dieser Generation als lern-, adaptions- und überlebensfähig bildete eine wichtige Ressource für die Neuetablierung der westdeutschen Raumwissenschaften.

Das Projekt untersucht auf diese Weise die westdeutsche Wissenschaftskultur nach 1945 am Beispiel der landes- und bundespolitisch sehr bedeutsamen Raumforschung und Landesplanung in Niedersachsen. Darüber hinaus vertieft das Projekt unser Verständnis vom Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik. Welche Maßstäbe legten Politiker und Wissenschaftler an eine wissenschaftliche Politikberatung an, deren Ergebnisse das Leben der Menschen unmittelbar berührten?

Als gemeinsames Arbeitsergebnis des Projekts wird u. a. eine Publikation über wissenschaftliche Netzwerke in Niedersachsen zwischen 1945 bis 1970 vorgelegt werden.